Hellgate: London – Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist

Höllischer Städtetrip – In „Hellgate: London“, einem Action-RPG aus dem Hause HanbitSoft Inc. Werden die Spieler in das London des Jahres 2038 versetzt. Statt 5-Uhr-Tee und den Royals gibt es nach einer Invasion von Dämonen aber nur noch Tod und Verderben zu finden. Die Frage, die sich stellt ist: macht das Spiel höllischen Spaß? Oder ist es eher eine teuflische Zeitverschwendung?

Kleiner Blick auf die Historie

„Hellgate: London“ hat eine bewegte Entwicklungsgeschichte, wie es sie nur selten gibt. Im Jahr 2005 wurde von Flagship Studios, einer damals frisch gegründeten Entwickler-Schmiede aus den USA, ein neues Action-RPG angekündigt. Es sollte sich an dem großen Vorbild „Diablo“ orientieren, sich wie ein Ego-Shooter spielen und eine offene und sich ständig verändernde Online-Welt bieten. Die Vorzeichen standen gut, da viele ehemalige Blizzard-Entwickler an dem Spiel arbeiteten, die in ihrer früheren Karriere an der Entwicklung von „Diablo“ und „Diablo 2“ beteiligt waren.

In Europa erschien das Spiel am 2. November 2007. Doch die Verkäufe blieben deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die Spieler wollten nicht richtig mit dem Game warm werden. Das lag unter anderem daran, dass das Spiel größtenteils mittelmäßige Kritiken erhielt. Auf metacritic.com erhielt das Spiel knapp 70%. In der „Gamestar“ wurde es als „fehlerhafter, aber guter Diablo-Klon“ bezeichnet. Aber auch eine eher eintönige Grafik, langweiliges Gameplay und Probleme beim Einloggen auf den Online-Servern störten den Spielspaß und machten „Hellgate: London“ zu einem Ladenhüter.

Als sich die Provider der Server mit dem Entwickler Studio um Finanzierungen stritten und ein Großteil der Entwickler und Rechteinhaber Flagship Studios wieder verließ, musste das Studio schon Ende 2008 seine Pforten wieder schließen. Am 1. Februar 2009 wurden die offiziellen Server stillgelegt und das Spiel in Winterschlaf versetzt.

Im November 2008 wurde bekannt, dass der koreanische Publisher HanbitSoft Inc. sich die Rechte an „Hellgate: London“ gesichert hatte und das Spiel als Free-to-Play-Modell in Südkorea wiederbeleben wollte. 2011 gingen die koreanischen Server online und präsentierten das Hauptspiel mit einer ganzen Reihe an Updates, die viele Fehler fixten, die Grafik etwas aufpolierten und auch neue Maps präsentierten, die in der koreanischen Stadt Seoul angesiedelt waren. Aufgrund der hohen Nachfrage schob HanabitSoft Inc. ein weiteres großes Update nach, dass auch Tokyo-Maps lieferte und die Grafik noch einmal etwas aufpolierte.

2014 wurde das Spiel bei Steam als Greenlight-Projekt eingetragen. Nachdem die Community fleißig für einen Release gevotet hatte, erhielten HanbitSoft Inc. die Zusage für eine Steam-Zusammenarbeit und am 15. November 2018 schaffte „Hellgate: London“ seinen zweiten Start in Europa, den USA und Asien. Für die Neuaufmachung wurden allerdings einige Änderungen vorgenommen. Das Spiel wurde von einem MMO in ein Singleplayer-Game umgewandelt. Die Seoul-Maps wurden aus dem offiziellen Spiel herausgenommen, können aber noch über die Steam Workshops bezogen werden. Außerdem wurde das Free-to-Play-Modell wieder abgeschafft, der Verkaufspreis mit knapp 10 Euro aber bewusst niedrig gehalten, um den Spielern einen Anreiz zu geben, sich in das höllische Gemetzel zu stürzen.

Worum geht es in dem Game?

In „Hellgate: London“ steht eine Katastrophe mit unbekanntem Ursprung im Vordergrund, die sich im Jahr 2020 ereignet. Überall auf der Welt öffnen sich urplötzlich dimensionale Risse, aus denen Monster und Dämonen auf die Erde kommen und die wehrlosen Menschen regelrecht überrennen. 18 Jahre später steht die Menschheit kurz vor der Ausrottung. Die Oberwelt ist schon lange der Tummelplatz der Hölle. Überall laufen Dämonen, Geister, Monster und mörderische Kreaturen herum und suchen nach neuen Opfern.

Die wenigen Menschen, die der Vernichtung entgehen konnten, haben sich in kleine Schutzzonen zurückgezogen und kämpfen mit letzter Kraft um ihr Überleben. Die Bewohner der ehemaligen Metropole London sind vor Jahren in die Schächte der U-Bahn geflüchtet. Angeführt von der mysteriösen Gruppe der Templer sind die Menschen auf der verzweifelten Suche nach Erlösung von der Hölleninvasion. Doch viel Zeit bleibt ihnen nicht mehr. Denn was früher nur kleine Risse waren, hat sich über die Jahre zu einem Flächenbrand ausgebreitet und mit jedem Tag, der verstreicht, wird die Hölle größer, bis sie die Erde eines Tages in naher Zukunft unwiderruflich verschlingen wird!

Zu den Waffen

Wer sich in „Hellgate: London“ auf Monsterjagd machen möchte, der muss sich zunächst einen entsprechenden Krieger zusammenbauen. Dabei gibt es die Auswahl zwischen drei Basis-Klassen, nämlich einem Templer, dem Kabbalisten und dem Jäger. Jede Klasse hat zwei Unterklassen, zwischen denen man sich entscheiden muss und die andere Spielweisen ermöglichen.

Der Templer im Einsatz:

Der Templer ist der klassische Nahkämpfer. Er setzt auf Schwerter aller Art, um sich gegen die Feinde zur Wehr zu Setzen. Die Templer können verschiedene Fähigkeiten erlernen, die entweder ihre Kampffähigkeiten aufbessern oder auch einen Bannkreis um sie ziehen, damit anstürmende Feinde einen größeren Schaden erhalten. Als Unterklassen stehen entweder der Schwertmeister oder der Hüter zur Auswahl. Als Schwertmeister ist der Templer in der Lage, zwei Schwerter unterschiedlichen Klassen gleichzeitig zu schwingen. Er kann auf diese Weise immensen Schaden austeilen und je nach Gegnerart verschiedene Taktiken anwenden. Der Hüter setzt dagegen auf Sicherheit. In einer Hand trägt er ein Schwert, mit der anderen greift er sich ein Schild. Sein Schaden ist dadurch zwar etwas geringer, dafür kann er sich besser gegen Schaden erwehren und so länger auf dem Schlachtfeld überleben.

Der Zauber der Kabbalisten:

Kabbalisten sind in „Hellgate: London“ die Magier. Sie setzen weniger auf den Einsatz von Waffen, sondern auf Totems und Zauberstäbe, um sich durch die Legionen der Hölle zu bewegen. Auch Talismane, Prismen, antike Schriftrollen oder Magierrunen helfen einem Kabbalisten, stärker zu werden und neue, mächtige Sprüche zu entdecken. Bei den Kabbalisten gibt es die Unterklassen Kampfmagier und Beschwörer. Ein Kampfmagier setzt auf die Kräfte der Elemente. Er kann Schwärme von Insekten auf Gegner zusteuern oder er beschwört einen Sturm, um die Feinde zu vernichten. Ein Beschwörer betritt einen Kampf dagegen nie allein, sondern ruft sich Hilfe in Form von Wölfen, Bären oder Vögeln dazu. Kleine Diener können ihn heilen oder ihm positive Bonuseffekte verleihen. Große Diener schickt er dafür in den Angriff, damit sie seine Drecksarbeit erledigen. Auf diese Weise kann der Kabbalist sich im Hintergrund halten und muss nur ins Kampfgeschehen eingreifen, wenn er keine andere Wahl hat.

Im Visier des Jägers:

Wer nichts für Schwerter oder Zaubersprüche als Primärwaffe übrig hat, für den hält „Hellgate: London“ die Klasse des Jägers bereit. In der alten Welt sind Jäger Agenten gewesen, die für die Regierung oder diverse Geheimdienste heikle Aufträge erledigten. Sie sind Spezialisten im Umgang mit Schusswaffen und nutzen technische Hilfsmittel, um zum Ziel zu kommen. Jäger können als Unterklasse entweder zum Ingenieur oder zum Scharfschützen werden. Ingenieure sind geschickte Handwerker und bauen in wenigen Sekunden Drohen und kleine Roboter zusammen. Diese stürzen sich dann lebensmüde in die Schlacht und opfern zur Not auch die eigenen Schaltkreise, um ihren Erschaffer zu beschützen. Scharfschützen bevorzugen es dagegen, sich aus dem Kampf fern zu halten. Sie haben eine sehr hohe Zielgenauigkeit und können mit einer tödlichen Präzision selbst die kleinsten Ziele aus der Ferne unschädlich machen. Dafür scheuen sie den Nahkampf und setzen im Zweifelsfall eher auf die Flucht, wenn Gefahr droht.

Die Welt und das Spielprinzip

„Hellgate: London“ erzeugt die Illusion, dass es eine offene Spielwelt besitzt. Das ist allerdings nicht richtig. Die Spielwelt ist in verschiedene Karten aufgeteilt, von denen es verschiedene Muster gibt. In welcher Reihenfolge die Muster aufgebaut werden, ist dem Zufall überlassen. Nur wenige Orte und Wege sind festgesetzt und ändern sich nie. So starten die Spieler ihr Abenteuer immer am gleichen Ausgangspunkt und müssen als erste Aufgabe ihren Weg in den Untergrund finden. Die Safe Zones sind auch immer gleich, damit die Spieler wichtige NPCs wie Händler und Healer nicht bei jedem Start neu suchen müssen. Außerdem ist festgelegt, welche Karten aufeinander folgen müssen. Allerdings unterscheidet sich das Layout der Karten von Spiel zu Spiel jedes Mal. Das führt dazu, dass eine Map, die man in einer Runde bereits komplett erkundet hat, beim nächsten Starten des Spiels komplett anders aussieht. Auf diese Weise wirkt das Spiel jedes Mal etwas anders.

Wie in einem klassichen RPG können die Spieler Quests annehmen und sich durch die Story von „Hellgate: London“ kämpfen. Für das Erledigen von Gegnern und das Erfüllen von Quests sammeln die Spieler Geld, Erfahrungspunkte und Items wie Waffen, Rüstung und Craft-Material, um sich spezielle Bonus-Gegenstände zu bauen. Um das Spiel aufzuwürzen, gibt es im Spiel neben Bossen und Quest-Gegnern auch sogenannte legendäre Kreaturen. Sie tauchen zufällig auf, sind richtig knackig, belohnen die Spieler aber dafür auch mit jeder Menge Loot, wenn sie irgendwann mal das Zeitliche segnen sollten. Darum lohnt es sich, von Zeit zu Zeit auch bekannte Areale wieder zu besuchen und nach den legendären Monstern Ausschau zu halten.

Vorteile und Nachteile

„Hellgate: London“ punktet mit einer ansehnlichen Spieldauer. Die 5 Kapitel lange Story allein nimmt ca. 40 Stunden in Anspruch. Wer dagegen alle Quests erfüllen möchte, der kann locker die doppelte Spielzeit einplanen, weil es wirklich viel zu erledigen gibt und eigentlich nie ein „Leerlauf“ eintritt, in dem keine Mission erfüllt werden kann. Die geringen Systemanforderungen sind ebenfalls ein großes Plus und machen das Spiel auch auf älteren Rechnern spielbar, ohne dass es zu Schwierigkeiten kommt.

Wie bereits erwähnt enthält das Spiel neben den ursprünglichen Karten von London und der Umgebung auch noch die Tokyo-Maps und andere Karten, die über den Steam Workshop bezogen werden können und die Spieler auf diese Weise an neue Orte mit neuen Aufgaben entführen. Das Designe der Monster ist sehr exotisch und viele Gegner haben besondere Stärken und Schwächen. Dadurch müssen die Spieler verschiedene Strategien ausprobieren, um bei unterschiedlichen Feinden erfolgreich sein zu können.

Damit das leichter von der Hand geht, können Spieler sich verschiedene Charaktersets zusammenbauen und diese bei Bedarf per Schnelltaste wechseln. Ebenfalls besonders ist die Spieloptik. Das Spiel findet primär in der Ego-Perspektive und spielt sich fast wie ein Shooter. Die Spieler können wahlweise aber auch die Optik auf eine Third-Person-Optik wechseln, um nicht nur die Umgebung im Auge zu behalten, sondern auch um zu sehen, ob sich Feinde von hinten angeschlichen haben. In manchen Missionen wechselt das Spiel auch in die Vogelperspektive und zeigt die von der Hölle befallene Welt von oben, was eine nette Abwechslung im Spielfluss ist.

Auf der anderen Seite wirken viele Levels eher trostlos. Es fehlt vielen Karten an Details. Außerdem sind Quest teilweise sehr ähnlich und haben den Fokus aufs Zeitstrecken gelegt. Es gibt zum Beispiel eine Quest, bei der die Teile für einen Zug gesammelt werden müssen. Jedes Teil muss einzeln getragen werden und verlangsamt den Spieler stark, sodass es quälend lange dauert, bis der Zug wieder zusammengebaut worden ist.

Der komplette Verzicht auf eine Online-Komponente macht einige Missionen deutlich schwerer, da diese im Original eher für mehrere Spieler ausgelegt waren. Hinzu kommt, dass Gegner oft an den kleinsten Ecken hängen bleiben können und sich nicht weiter bewegen. Ein ärgerlicher Nachteil ist ein Bug, bei dem das Spiel so langsam wird, dass es für mehrere Sekunden fast einfriert. Bisher ist noch nicht eindeutig bekannt, wie dieser Fehler entsteht oder wie er behoben werden kann.

Fazit

„Hellgate: London“ hat einen langen und steinigen Weg zurückgelegt. Vom Originalrelease 2007 über die Einstellung, eine asiatische Free-to-Play-Version bis zur vorläufigen finalen Steam-Version ist viel passiert. Es wurden sehr viele Dinge überarbeitet, entfernt und verworfen. Das Spiel ist immer noch nicht das „Diablo“ in First-Person-Ansicht, wie es ursprünglich mal versprochen wurde. Es hat immer noch einige Schnitzer wie den FPS-Bug, die es schwer machen, das Spiel zu genießen. Und die Story ist zwar interessant, aber auch nichts Besonderes. Die Spielmechanik, die lange Spieldauer und seine geringen Systemanforderungen sprechen aber für „Hellgate: London“. Durch die Zufallsfaktoren spielt es sich außerdem immer etwas anders, um der Langeweile vorzubeugen. Neue inhalte und Patches zeigen außerdem, dass hinter dem Spiel ein Entwickler-Team steht, dass wirklich mit Leidenschaft an dem Remake arbeitet und es am Leben halten möchte.

Für Fans von klassischen RPGs ist „Hellgate: London“ auf jeden Fall ein Blick wert. Der geringe Preis lädt zum Schnuppern ein und bietet die Chance, sich in der Spielwelt zu verlieren. Außerdem stehen die Chancen gut, dass durch zukünftige Patches auch die kleinen und großen Fehler des Spiels noch ausgebessert werden, damit auch 2020 oder 2038 noch Spieler sich auf die epische Reise machen können, um die Hölle auf Erde zu verhindern!